Hättet ihr mich direkt nach der Watzmann Überschreitung gefragt, dann hätte ich laut „Nein“ geschrien. Mittlerweile (zwei Tage später) sage ich: Ja, klar! ABER: es ist kein Zuckerschlecken.

Der Watzmann ruft!

Und zwar ruft mir der Watzmann schon sehr lange zu. Warum? Weil er einer der Berge ist, auf den ich von meiner Terrasse aus schaue. Neben dem Dürrnberg, dem Untersberg, dem Staufen und dem dem Hohen Göll ist auch die gesamte Watzmann-Familie zu sehen. Und mein Ziel war immer schon: Alle Berge, die ich von meinem Zuhause aus sehen kann auch zu besteigen. Fehlte nur mehr der Watzmann, der natürlich die größte Herausforderung war, die ich bisher immer aufschob.

Nichts für schwache Nerven

Die Überschreitung des Watzmanns mit seinen drei Gipfeln ist nichts für schwache Nerven und und nichts für schwache Beine. Da brauchst du sowohl Stärke im Kopf (also mentale Stärke) als auch Kraft im Körper. Warum? Weil 2.400 Höhenmeter und 24 Kilometer überwunden werden müssen – und das nicht auf gemütlichen Wald- und Wiesenwegen, sondern inklusive Kraxlerei – auf und ab.

Vorbereitung ist der Schlüssel zum Erfolg

Das gilt nicht nur für das berufliche Leben, sondern auch für das sportliche und somit private. Denn auf eine solche Bergtour musst du dich sowohl körperlich vorbereiten als auch mental darauf einstellen. Ich habe die Tour in vielen Foren und auf etlichen Webseiten halb auswendig gelernt, mir Videos und Bilder angesehen und überlegt, ob ich das mental schaffe, über einen Grat zu wandern – ohne Sicherungen. Alleine die mentale Vorbereitung kostete mich viel Energie und am Tag vor der Überschreitung des Watzmanns konnte ich fast nicht schlafen – groß war die Angst und Sorge, irgendwo einen falschen Tritt zu machen und abzustürzen. Körperlich sorgte ich mich weniger, denn fast täglicher Sport gehört bei mir zum Leben wie essen, schlafen und Sex 😉

Der Tag – 21. August 2020, 6.00 Uhr

Der Wecker klingelt um 5.00 Uhr. Ich kann fast nichts frühstücken – was ich allerdings fast nie schaffe – daher wird gute Jause und Wasser eingepackt. Mein Mann ist zum Glück kräftig genug, um das ganze Gewicht zu schleppen, sodass ich in meinen Rucksack nur meine „Trinkblase“ mit Wasser und ein paar Klamotten packen muss. Um 6.00 sind wir bei der Wimbachbrücke angekommen und finden am fast bummvollen Parkplatz gerade noch eine Lücke für unser Auto. Wir staunen Bauklötze. Gut, das Wetter ist gewaltig, denn der Wetterbericht sagte Sonne pur für den ganzen Tag voraus ohne jegliche Gewittergefahr. Aber dass so viele Leute den Watzmann bezwingen wollen? Tja…..

Die Überschreitung

Es geht los über gemütliche, wenn auch recht steile Wanderwege. Bis zum Watzmannhaus brauchen wir 2 Stunden und 20 Minuten. Wir glauben, die Welt liegt uns zu Füßen. Das „Bergaroma“ – sprich das Bergpanorama – ist „gewoitig“. Kurz Wasser aufgetankt gehen wir guten Mutes in Richtung Hocheck. Die vielen Wanderer, die bereits am Watzmannhaus genächtigt hatten sind zum Glück bereits schon vor uns gestartet. Somit wandern wir gemächlich gegen den ersten der drei Gipfel, ohne uns durch größere „Horden“ wuzeln zu müssen. 😉 Kurz vor dem Gipfel machen wir eine kleine Rast und tanken unsere „Batterien“ auf. Nun geht es los und ich stelle meinen Kopf auf abschüssiges, steiles, unwegsames Gelände ein – und das für mindestens drei Stunden bis zu den nächsten beiden Gipfeln. Ich weiß, dass auf der Strecke kein Fehltritt passieren darf – sonst bin ich weg. Doch alles funktioniert besser als gedacht: Hoch konzentriert und fokussiert geht es am Grat bei herrlicher Fern- und Aussicht auf und ab.

Klettersteigset? Nein!

Ich merke schnell, dass ein Klettersteigset eher hinderlich als förderlich gewesen wäre. In einigen Foren hatte ich zuvor gelesen, dass die Überschreitung vom Hocheck über die Mittelspitze bis zur Südspitze KEIN ausgewiesener Klettersteig sei, da er nicht durchgehend gesichert ist. Und ja: Es sind nur einige wenige Stellen seilversichert und dort kommt man sehr gut auch ohne Haken und Klettergurt drüber. Man hat ja Hände zum Anhalten. Nach 5 Stunden und 18 Minuten haben wir bereits über 2000 Höhenmeter überwunden und stehen auf der herrlichen, wenn auch sehr schmalen Mittelspitze. Viele Leute haben da nicht Platz. Daher verweilen wir nicht lange und gehen weiter zur Südspitze – dem letzten der drei Gipfel. Nach ziemlich genau 7 Stunden und überwundenen 2400 Höhenmetern haben wir diese erreicht. Stolz, froh, aber noch immer konzentriert – denn ich weiß, dass auch der Abstieg noch einiges an Fokus und Kraft fordert – machen wir eine gute Rast und ein kleines „Fotoshooting“.

#Abendkleidamberg

Auf der 2712 hohen Südspitze ist es soweit: Mein jährliches #Abendkleidambergfoto wird geschossen. Wir werfen uns noch Brot, Käse und Müsliriegel rein und trinken vom „brunzwarmen“ Marillenschnaps, der durch die Kehle brennt, wie ein Feuer bei einem Großbrand. Um 14.30 verlassen wir den Gipfel, nichtsahnend, dass wir für den Abstieg soooooo lange brauchen würden. Laut Beschilderung ist man in vier bis fünf Stunden beim Parkplatz. Wir brauchen sechseinhalb!

Elendiger Sch…..Abstieg!!

Also für alle „Watzmann Aspiranten“: Ich hätte nicht mit so einem besch… Abstieg gerechnet. Ich bin zwar generell schlecht beim Absteigen, aber diesmal waren ja auch die Reserven in Beinen und Kopf schon fast leer und gerechnet hatte ich auch nicht mehr mit so einer steilen Schotter- und Steinwüste, in der auch „Abkraxeln“ angesagt war. Obendrein hatte ich zuvor gelesen, dass die meisten Unfälle bei diesem Abstieg passieren würden. Darum war ich doppelt und dreifach vorsichtig. Schritt für Schritt quälte ich mich den steilen Berg hinab und dachte dabei immer an die Worte eines Freunde: „Der Watzmann hat dich erst hergegeben, wenn du im Wimbachgries stehst. Dann kannst du den Kopf ausschalten“. Und genau so ist und war es! Nach drei harten Abstiegsstunden, bei denen mir mein Göttergatte immer zur Seite stand und mir Hilfestellung gab, hatte uns der Watzmann endlich „ausgespuckt“. Ich fiel in die Arme meines Mannes und Tränen rollten mir wie Bäche aus den Augen. War es die abfallende Anspannung? Die Erleichterung wohlbehalten herunten zu sein? Oder war es bloße Überanstrengung? Ich weiß es nicht, ich weiß nur, dass es gut tat, zu heulen. Auch wenn ich wusste, dass mich meine Füße noch ca. 9 Kilometer bis zum Auto tragen mussten, so war mir die Erleichterung ins Gesicht geschrieben. Und ich sag euch: Diese 9 Kilometer waren im Gegensatz zum Rest ein „nicer“ Spaziergang.

Kurz zusammengefasst die Daten für einen „Normalo“

Wimbachtal bis Watzmannhaus: 2 Stunden 20, bis Mittelspitze: 5 Stunden 18, bis Südspitze: 7 Stunden. Abstieg von der Südspitze bis zum Parkplatz: 6 Stunden 30 Minuten!!! Im Vergleich dazu: Die Rekordzeit der Watzmann Überschreitung hat heuer Anton Palzer geschafft: Er brauchte läppische 2:47 Stunden.

Und ja: Ich bin einfach ein „Schisser“, wenn es um Bergab-Passagen geht. Warum auch immer. Da kraxle ich schneller bergauf als bergab……

Resümee

Auch wenn ich am Tag der Überschreitung sagte: NIE WIEDER WERDE ICH EINE SOLCHE TOUR MACHEN! So such ich jetzt – zwei Tage danach – bereits wieder nach tollen Touren. Das Persailhorn wäre da was…. Aber das ist eine andere Geschichte.