DARF MAN DAS WERK EINES BEKANNTEN KRITISIEREN?

Ja, klar darf man das. Man darf alle(s) kritisieren, solange es konstruktiv ist. Immerhin lernt man aus Kritik und kann sich dadurch weiterentwickeln.

Wenn du wissen willst, wer dich beherrscht, finde heraus, wen du nicht kritisieren darfst.

Voltaire, 1769

Spannende Aussage, die vermutlich viele nachdenklich macht! Am Ende sage ich: Stimmt! Also: Raus mit der Ehrlichkeit! Raus mit eurer Kritik! Aber natürlich mit Gefühl. Ich äußere heute Kritik an einer Bekannten, die gerade ein Buch geschrieben hat – mit Gefühl, aber trotzdem gefährlich ehrlich.

MAREIKE FALLWICKL

Mareike Fallwickl stammt ursprünglich aus dem schönen Tennengau, hat bereits vor ein paar Jahren ein Buch veröffentlicht („Auf Touren“), betreibt einen Literatur-Blog (Bücherwurmloch), schreibt als „Zuckergoscherl“ eine Kolumne für eine lokale Zeitung und ist für mich die „Twitter-Queen“ schlechthin. Ihre herrlich authentische Art mit einer Prise schwarzem Humor lässt einen beim Lesen der paar Twitter-Zeilen immer wieder schmunzeln. Anfang März erschien ihr Roman „Dunkelgrün fast schwarz“, der bis dato ausschließlich (in den Himmel) gelobt wurde. Vor ein paar Tagen gab sie eine Lesung in ihrer alten Schule, in der auch ein Großteil ihres Romans spielt.

LESUNG

Fallwickl sitzt am Podium, dunkelgrün fast schwarz gekleidet mit stahlblauen Augen. Sie lässt sich von einem ehemaligen Schulkollegen, der mittlerweile als Redakteur arbeitet interviewen. Während er ruhig, überlegt und höflich fragt, antwortet sie frech, goschert und teilweise etwas überheblich. So vergleicht sie etwa die Zeitung für die ihr Kollege jetzt arbeitet mit der damaligen Studentenzeitung, die die beiden in Schulzeiten erfolglos betrieben hatten. Auch auf einen lieben Einwurf ihrer Schwiegermutter geht sie nicht näher ein, sondern meint nur: „An diese Stelle im Buch kann ich mich nicht erinnern“. Fast könnte man meinen, sie habe bereits Züge von Raf, dem fiesen Protagonisten in ihrem Buch angenommen. Schade, bisher wirkte sie für mich sehr sympathisch.

KRITISIEREN MIT „PLUS“

Sympathisch hin oder her. Ihr Schreibstil ist genial. Ich trau mich das jetzt sagen, obwohl ich kein Literaturkritiker bin. Ich finde selten ein Buch, das mich fesselt und an sich bindet. Meistens lege ich ein Buch nach ca. 100 Seiten weg, weil es mich langweilt. Dann sehe ich es als reine Zeitverschwendung und auch mentale Folter, ein Werk, das mir so gar nicht gefällt zu Ende zu lesen. Bei „Dunkelgrün fast schwarz“ war das anders. Trotz der vielen Vorschusslorbeeren, die das Buch erntete (das hat mich sehr skeptisch und stutzig gemacht) las ich das Buch in nur fünf Tagen. Es hat mich in seinen Bann gezogen: Wegen der bis ins kleinste Detail ausgefeilten Charaktere und der extrem bildhaften Sprache. Außerdem gefällt mir Fallwickls Stil ohnehin, da sie eine der Autoren ist, die sich nichts scheißt.

KRITISIEREN MIT „MINUS“

Das Buch machte mich traurig. Sehr sogar. Warum? Weil die Geschichte von Motz, Raf und Jo der Wirklichkeit entsprechen kann und es bestimmt genau solche kaputten Persönlichkeiten im wahren Leben gibt. Daher zieht einen die Geschichte ziemlich runter – mich zumindest – weil ich eine bin, die sich sofort in die Personen hineinversetzen kann.

Auch das Ende des Buches enttäuschte mich. Ich hätte da noch ein paar offene Fragen gehabt, wie:

  • Was wurde wirklich aus Samuel, Rafs Bruder? Ist er tot? Oder hat er sich tatsächlich von seinen Wurzeln, seiner Familie loslösen können?
  • Wie hat Motz auf das Verhältnis seiner Mutter mit dem Vater seines besten Freundes reagiert? Marie und Motz hatten kein klärendes Gespräch.
  • Was wurde aus Raf und Jo? Sind die beiden wirklich am Ende gemeinsam weitervereist? Ein quasi „happy ending“ nach einer derart dramatischen Handlung? Hmmmmm….

IDEENSCHMIEDE

Viel Fantasie ist wohl nötig, um ein solches Buch zu schreiben. Trotzdem würde ich gerne wissen, ob sich die Autorin mit einem der Charaktere identifiziert: Ist es Marie? Oder Jo? Oder doch Raf? Da ich der Meinung in, dass die besten Geschichten das Leben selbst schreibt glaube ich, dass eine solche Handlung auf wahren Gegebenheiten basiert und vielleicht auch (unbewusst) als Aufarbeiten gewisser Ereignisse dient – auch wenn Fallwickl dies vehement dementiert.

FAZIT

Wie gesagt: Ich bin kein Book-Nerd bzw. -Experte, kein Sprachwissenschaftler und auch kein Literaturkritiker, aber ich kann sagen, ob und was mir gefällt. Das ist wie beim Rotwein: Auch wenn ich kein Weinsommelier bin, so weiß ich immer ganz genau welcher Rotwein mir schmeckt und welchen ich strikt ablehne. Also: Spannendes Buch mit vorrangig fiesen, dunklen Zutaten wie Melancholie, Sehnsucht, Unzufriedenheit, Depression, Unterdrückung und Schmerz.

P.S.: Da ich immer wieder „austeile“, kritisiere und ebenso frech bin darf mich natürlich auch jeder (der mag) kritisieren, gell! 😉


2 Gedanken zu “DARF MAN DAS WERK EINES BEKANNTEN KRITISIEREN?

  1. Servus Andrea!

    Sehr schöne Kritik – finde ich spitze! Ich kenne Mareike zwar nicht persönlich, aber sie wohnt in meiner Nähe, weshalb sie mir im Gedächtnis geblieben ist. Ihren Twitter Account kenne ich und folge ihm auch. Habe gerade wieder reingeschaut – ist schon amüsant!

    Das Buch reizt mich zwar, aber ich habe einfach keine Zeit, um noch ein Buch auf meinen Kindle zu holen bzw. um es auch zu lesen. Das „Holen“ ist das Problem nicht ;-).

    Have fun
    Horst

    1. Gefährlich ehrlich

      Danke, Horst! Hab scho befürchtet, ich war mit der Kritik a bissl zu harsch. Buch solltest mal lesen anstatt so viel vorm PC zu sitzen….;-))

Trau dich und sei gefährlich ehrlich!